Mineralisation

Unser Bad Wildungener und Reinhardshausener Heilquellengebiet, mit den unterschiedlichsten Heilwas­sertypen, befindet sich am Nordostrand des Kellerwaldes, einem Vorsprung des Rheinischen Schiefergebirges nach Osten. Das Rheinische Schiefergebirge und der Kellerwald sind durch die variscische Gebirgsbildung geprägt, in der die Schichten des Devons und Karbons verfaltet und verschuppt wurden.

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Der tektonische Bau des Kellerwaldes lässt sich vereinfacht in drei Gebirgsstockwerke gliedern (s. Abb.):

Unteres Stockwerk: gefaltete hemipelagische Tonschiefer und turbiditische Sandsteine, hohes Unterdevon bis tiefes   Oberdevon

Mittleres Stockwerk: vorwiegend oberdevonische und unterkarbonische Spilite, Sandsteine und Kieselschiefer, zu einem Schuppen-Stapel aufeinandergeschoben (Duplex-Struktur)

Oberes Stockwerk: unterkarbonische Tonschiefer und Grauwacken zu offenen Falten mit in Siltsteinen beginnender Schieferung verformt

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Tektonische Karte und Querprofil der Umgebung von Bad Wildungen (unverändert übernom­men aus Hemfler, M. & Steinmetz, S. (2006): Die Heilquellen von Bad Wildungen und Umgebung, mit Genehmigung des HLUG)

Das Auftreten der verschiedenen Heilquellen im Gebiet von Bad Wildungen ist eng mit den örtlichen tektonischen Strukturen verbunden. Als heilwasseraktiv zeigen sich insbesondere Zerrüttungszonen der Überschiebungen und die größeren Querverwerfungen.

In Bad Wildungen wird der tiefere Untergrund von Gesteinen des mittleren Gebirgsstockwerks geprägt. Die Heilquellen Waldquelle, Georg-Viktor-Quelle sowie Parkquelle im zentralen Kurpark von Bad Wildungen stehen in direkten Zusammenhang mit der dort nachgewiesenen Wildunger Über­schiebung (s. Abb.). Die weiter östlich, am Fuße des Schlossberges gelegene Schlossquelle sowie die Königsquelle haben ihren Ursprung ebenfalls an der Wildunger Über­schie­bung an einem Schnittpunkt mit der quer verlaufenden Störungszone des Wildunger Abbruchs. Die Bad Wildunger Heilwasserfassungen reihen sich überwiegend entlang der Überschiebungs­bahn der Wildunger Überschiebung auf.

Im Heilquellengebiet von Reinhardshausen wird der tiefere Untergrund von Gesteinen des unteren Gebirgsstockwerks aufgebaut. Die Gesteinsserie wird von einer Nordwest-Südost verlaufenden Störungszone durchzogen. Im Umfeld dieser Störungszone sind die Heilwasserfassungen Reinhardsquelle, Naturquelle, Weiße Quelle, Tempelquelle etc. zu finden.

Die unterschiedlichen Gesteine im Untergrund der Heilwasserregion Bad Wildungen / Reinhardshausen beeinflussen die hydrochemische Zusammensetzung der Heilwässer.

Niederschlagswasser vergangener Zeiten durchwandert von der Oberfläche zuerst die Bodenzone, dann die Verwitterungsmassen und erreicht über Klüfte und Zerrüttungszone der Grund(Heil-)wasser im devonisch/karbonischen Untergrund. Das Wasser löst auf seinem Weg durch die verschiedenen Gesteinsschichten Mineralien und nimmt diese auf. Entlang der tektonischen Stö­rungen bzw. Zerrüttungszonen steigt Kohlenstoffdioxid, das auf den aus­klin­genden tertiären Vulkanismus zurückzuführen ist, auf und vermischt sich im Untergrund mit dem Grund(Heil-)wasser.

Das steuernde Element für die gelösten Inhaltsstoffe und der tatsächlich gelösten Mengen, ist das frei gelöste Kohlenstoffdioxid (Kohlensäure) in den verschiedenen Heilwasservor­kommen von Bad Wildungen und Reinhardshausen in Verbindung mit den Aquifer auf­bau­enden Ge­steinen. Durch das Kohlenstoffdioxid wird die Lösung der den Aquifer aufbau­enden Gesteins­serien verstärkt. Das Grund(Heil-)wasser reichert sich mit Mineralstoffen aus dem umgebenden Gebirge an. Weiterhin bewirkt das Kohlenstoffdioxid einen Aufstieg des höher mineralisierten Grundwassers aus tieferen Grundwasserstock­werken. Aufgrund des hohen CO2-Partialdruckes in der Tiefe ist das Kohlensäure-Gleichgewicht weit in Richtung zum freien Kohlenstoffdioxid verschoben. Das Kohlenstoffdioxidgas steigt entlang der Zer­rüt­tungs­zonen auf, expandiert unter fallendem hydrostatischen Druck, vergrößert sein Volumen ex­ponentiell und bewirkt durch den Auftrieb des gegenüber Wasser leichteren Kohlenstoffdi­oxidgas-Wasser-Gemisches den Aufstieg aus größeren Tiefen (Gas-Lift-Effekt).

Das als Heilwasser genutzte Grundwasser weist einen Kohlenstoffdioxidgehalt über 1.000 mg/l auf, es ist als Säuerling zu bezeichnen.

Der intensive Schwefelwasserstoff-Geruch, die gelösten Eisen- und Mangangehalte sowie Nitrat- und Nitritgehalte unter bzw. im Bereich der Nachweisgrenze im erschlossenen Grund­wasser der Heilquellen sind Zeichen für reduzierende Bedingungen und damit längere Verweil­zeiten im Untergrund. Die längeren Verweilzeiten im Untergrund von der Grund­wasserneu­bildung aus Niederschlag bis zum Austritt in natürlichen Heilquellen bzw. Förderung aus Heilbrunnen führen dazu, dass selbstreinigende Prozesse des Bodens auf das Sickerwasser wirken können.

Nachfolgende Abbildung beschreibt das Bildungssystem für die verschiedenen Heilwassertypen im Wildunger Raum:

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Schemabild zum Aufstieg und zur Mineralisation der Heilwässer im nordöstlichen Kellerwald (unverändert übernom­men aus Meischner & Steinmetz 2001)

Abhängig vom geologischen Untergrundbau lassen sich die genutzten Heilwässer in drei Typgruppen klassifizieren. Die Genese der verschiedenen Typen wird im Nachfolgenden beschreiben bzw. durch die Abbildung im Anschluss verdeutlicht:

CaIcium-Magnesium-Hydrogenkarbonat-SäuerIing (Typ „Naturquelle“)

Im Bereich des Unteren Gebirgsstockwerks, im zentralen Kellerwald, bewegt sich das Kohlensäure Grundwasser (Säuerling) in Tonschiefer und Sandstein des Mittel-Devons. Aus dem Umgebungsgestein werden vorwiegend die Mineralien Calcium und Magnesium gelöst. Es bilden sich Calcium-Magnesium-Hydrogenkarbonat-Säuerlinge. Dieser Quellentyp ist vor allen Dingen in unserem Ortsteil Reinhardshausen zu finden. Die Heilquellen haben einen frischen und säuerlich prickelnden Geschmack.

CaIcium-Magnesium-Natrium-Hydrogenkarbonat-SäuerIing
(Typ „Waldquelle“)

Der Untergrund im Stadtgebiet von Bad Wildungen wird überwiegend von Gesteinsserien des Mittleren Gebirgsstockwerks (Ober-Devons bis frühen Unter-Karbons) aufgebaut. Das Heilwasser zirkuliert in Ton- und Kieselschiefer, in Sandstein und besonders in Spilit (Diabase). Das Kohlensäure Grundwasser (Säuerling) reichert sich durch Lösung von Feldspatminerale der Spilite mit Natrium an. Es bildet sich Calcium-Magnesium-Natrium-Hydrogenkarbonat-Säuerling mit einem kräftig erdigen Geschmack.

Natrium-Calcium-Magnesium-Hydrogenkarbonat-ChIorid-Säuerling
(Typ „Helenenquelle“)

Im östlichen Stadtgebiet von Bad Wildungen bzw. der geologsichen Struktur des Kellerwalds macht sich im Heilwasser ein Zustrom von versalzenem Tiefenwasser aus dem Bereich Niederhessischen Senke bemerkbar. Sole, die aus den Zechsteinsalzvorkommen der Niederhessischen Senke stammt, sickert in die Ränder des Kellerwaldes. Diese Zumischung macht sich durch einen deutlich salzigen Geschmack im Heilwasser bemerkbar. Es bildet sich Calcium-Magnesium-Natrium-Hydrogenkarbonat-Chlorid-Säuerling. 

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Mineralwassertypen und deren Entstehungsorte (unverändert übernom­men aus Hemfler, M. & Steinmetz, S. (2006): Die Heilquellen von Bad Wildungen und Umgebung, mit Genehmigung des HLUG)

Zu dem Thema der Geologie und der Entstehung des Heilwassers in der Heilquellenregion Bad Wildungen und Reinhardshausen möchten Sie auf nachfolgende Fachliteratur hinweisen:

Hölting, B. (1966):    Die Mineralquellen in Bad Wildungen und Kleinern (Landkreis Waldeck, Hessen).- Abh. Hess. L.-Amt f. Bodenforsch., H. 53: 59 S., 7 Abb., 9 Tab.; Wiesbaden.

Steinmetz, S. (1994): Die Mineralquellen von Bad Wildungen: Herkunft und tektonische Stellung.- Dipl.-Arb. Univ. Göttingen: 98 S., 10 Abb., 7 Tab., 4 Anl.; Göttingen (unveröffentl.).

Meischner, D. & Steinmetz, S. (2001): Die Mineralquellen von Bad Wildungen (Hessen), tektonische Stellung und Herkunft der gelösten Bestandteile.- Geol. Jb. Hessen 128: 83-95 S., 10 Abb., 1 Tab.; Wiesbaden.

Hemfler, M. & Steinmetz, S. (2006): Die Heilquellen von Bad Wildungen und Umgebung.-HLUG: 87 S., div. Abb., div Bld., div. Tab., 1 Anl.; Wiesbaden.